Ausgabe 2/02, 23. Februar
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Osama im Pankisital?

Nicht mehr als ein Theaterdonner

Jetzt ist er also auch im Kaukasus aufgetaucht, in Georgien, the universal terrorist mit Namen und Gesicht Osama Bin Laden. Er pflegt überall zu sein, wo und wann er gerade gebraucht wird, von wem auch immer. Dass er nicht schon länger seine finsteren Machenschaften vom  Pankisital aus steuert, muss eigentlich überraschen. Ebenso dass die Macher von James Bond Filmen nicht längst das Pankisital als preiswerte Dauer-Kulisse gepachtet haben. Beim letzten Film waren sie ja in dieser Weltgegend, zeigten atemberaubend schöne Ski- und Heli-Verfolgungsjagden. Aber das war vor dem 9.11. und damit nichts anderes als Fiktion. Jetzt, nach dieser Zeitenwende sind wir soweit, dass einer jeden Fiktion Schlagzeilen-Charakter zugemessen wird.

Lassen wir die Satire, kümmern wir uns um die Fakten. Da hat der russische Aussenminister Iwanow eine Spekulation in die Welt gesetzt, die er mit nichts, aber auch gar nichts bewiesen hat. Die Wahrscheinlichkeit, das Osama Bin Laden im Pankisital residiert, das weiss auch der russische Aussenminister, tendiert gegen Null. Trotzdem hat Iwanow dieses Gerücht in die Welt gesetzt und das nicht etwa in irgendeinem Moskauer Büro, nein, effektvoll in Paris, damit die Nachricht auch sofort um die Welt gehe. Die Absicht ist erkennbar, sie sollte nicht einmal verborgen werden. Nicht umsonst begründete Iwanow seine Sensation mit einer an Zynismus nicht mehr zu überbietenden Flapsigkeit: „Wer kann behaupten, dass er nicht im Pankisital ist?“ Mit dieser Formel kann man alles und nichts begründen. Und nicht umsonst hat Eduard Schewardnadse mit gleich höhnischer Münze zurück gegeben, doch als erstes das Elternhaus Iwanows in Achmeta, der Stadt am Eingang des Pankisitals, nach Bin Laden durchsuchen zu lassen, wenn der russische Aussenminister schon über solch exzellente Informationen verfüge. In Achmeta lebt die Mutter des russischen Aussenministers, sie lebt damit in direkter Bedrohung durch tschetschenische Terroristen, georgische Kidnapper und neuerdings auch afghanische El Qaida Kämpfer.

Im Wirtschaftsleben könnte Georgien den Wettbewerber Russland wegen Rufmordes und Geschäftsschädigung auf Millionen an Schadensersatz verklagen. Wer im Wirtschaftsleben solch eine Behauptung in die Welt setzt ohne auch nur den Ansatz eines Beweises zu erbringen, hätte schlechte Karten vor Gericht. Ein klassischer Fall von übler Nachrede, wenn der Behauptung keine stichhaltigen Beweise folgen. Aber in der Politik ist anscheinend alles erlaubt, was weltweit wohlfeile Schlagzeilen bringt und den anderen ins Hintertreffen. Die Politik kennt keine Haftung für Schäden, die sie anrichtet.

Der Russe reagierte mit seiner Bin-Laden-Geschichte allerdings auf ein Manöver, das wenige Tage zuvor der Geschäftsträger der amerikanischen Botschaft in Georgien eingeläutet hatte. Dieser hatte sich  – ähnlich vage wie der Russe – von georgischen Zeitungen zitieren lassen, man habe Hinweise, dass einige Dutzend Afghanen in den Kaukasus geflohen seien, einige von ihnen ins Pankisital, wo sie Kontakte mit einem tschetschenischen Rebellenführer hätten, der wiederum Kontakte zu Bin Laden unterhalte. Weniger konkret geht es wohl nicht mehr.

Den Amerikanern ging es darum, ein den Georgiern versprochenes Trainings- und Ausrüstungsprogramm für eine georgische Anti-Terror-Einheit, das neben Equippment auch Soldaten umfasst, zu begründen. Sie soll wohl auch im Pankisital bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität eingesetzt werden. Ohne amerikanische personelle Unterstützung wird diese Spezialeinheit, so etwas wie unsere GSG 9, kaum effektiv eingesetzt werden können, zumindest nicht in der Anfangsphase. Da die Georgier den Russen beharrlich eine militärische Kopperation im Pankisital verweigern, kam der Aufbau einer internationalen terroristischen Bedrohungskulisse im Pankisital gerade zur rechten Zeit, brauchte man doch eine stichfeste Begründung für ein amerianisches Engagement in einer Weltgegend, in der man bisher zumindest militärisch nicht nicht allzu viel zu suchen hatte. Und die georgische Presse, immer rasch dabei, wenn es darum geht, die NATO um Beistand zu rufen, sekundierte mit dem Wunsch nach westlicher Hilfe im Pankisi, wobei man ganz konkret und ganz bescheiden kleine Militäreinheiten von NATO oder den USA anfordert. Mit Kriminellen alleine, die es im Pankisital nun wirklich gibt, liessen sich solche Forderungen und ein verstärktes amerikanisches Engagement im  georgischen Verteidigungsministerium nicht begründen, zu Hause nicht und vor allem nicht in Moskau.

Die Tatsache, dass eine sogenannte Factfinding Mission aus Amerika, die das Antiterrorprojekt vorbereiten soll, gerade in diesen Tagen nach Georgien unterwegs ist, mag Russland überhaupt nicht gefallen, ist aber ein normaler und längst geplanter Vorgang und darf von russischen Medien genüsslich als Vorauskommando für einen anscheinend unmittelbar bevorstehenden Antiterroreinsatz interpretiert werden, ohne Quellen und Beweise zu liefern. Sogar der Spiegel zitiert diese abenteuerliche Geschichte, ohne vor Ort den Hintergrund zu recherchieren.

Genauso haben die Medien der Welt seit Wochen treu und brav von georgischen Demonstranten am Eingang zum Pankisital berichtet, die sich gegen Terror und Gewalt, die die Schlucht regierten, wehrten, ohne nachzuprüfen, wer denn diese Demonstration organisiert hatte. Es war ausgerechnet der georgische Verband der Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Krieges, der sich um die Gefahr, die von tschetschenischen Kämpfern und Kriminellen im Pankisital samt ihrer neuen afghanischen Verbündeten ausging, wehrte. Ein Schuft, der Böses dabei denkt.

Die Bevölkerung vom Pankisital sieht das alles, wie man hier weiss, viel gelassener. Sie fühlt sich hauptsächlich belästigt von russischen und georgischen Drogenhändlerm im Pankisi. Aber nur tschetschenischer Flüchtlinge wegen kann Russland seinen Druck auf Georgien, im Pankisital aktiv werden zu dürfen, auch nicht rechtfertigen. Auch dazu braucht es einer grösseren Bedrohungskulisse, die im Schatten Afghanistans leichter aufzubauen ist als davor. Der 9. September hat die Welt wirklich nachhaltig verändert.

Deshalb setzten die Russen auf die amerikanische El Qaida Soap im Pankisi mit ihrem Gerücht um Osama Bin Laden eins drauf und können sich jetzt ins Fäustchen lachen, ihren Nachbarn Georgien vor der Weltöffentlichkeit wieder einmal vorgeführt und zum Gegenstand wildester Medienspekulationen gemacht zu haben.

Nichts davon ist zu verifizieren, dass die Amerikaner etwa planten, schon morgen in Georgien eventuell gerade von den Russen verlassene Militärbasen zu übernehmen, wie nicht nur in deutschen Medien herumspekuliert wurde. Oder dass in Kürze bereits eine georgisch-amerikanische oder gar georgisch-amerikanisch-russische Operation im Pankisital anstünde, was vor allem Internet-Agenturen bereitwillig voneinander abschrieben. Alles Spekulationen, Gerüchte und Vermutungen, die aus Moskau lanciert und später, nachdem sie durch die Weltpresse gegeistert waren, wieder dementiert wurden. Wie auch der Chef des Russischen Föderalen Sicherheitsrates zwei Tage nach der Osama Bombe in Tbilissi das Feuer wieder austreten durfte mit der Erklärung, man habe keine Erkenntnis über einen Aufenthalt des Top-Terroristen in Georgien. Wo, bitte sehr, bezieht denn sein Aussenminister seine Informationen? Von seiner Mutter in Achmeta?

Da ist also viel Theaterdonner auf allen Seiten. Das eigentliche Stück wird hinter den Kulissen gespielt und heisst Weltmachtgerangel um den Einfluss im Kaukasus. Die Frage ist, ob Georgien noch der Hinterhof Russlands ist oder bereits der Vorgarten Amerikas. Sie muss gestellt werden, doch dazu gibt es andere Themen als das Pankisital. Und den Amerikanern kann man bei aller Cowboy-Mentalität, die sie gelegentlich auszeichnet, einen Rest an Besonnenheit zutrauen, um in einer Region, die keineswegs zu ihren wichtigsten Interessengebieten in der Welt gehört, zur Unzeit eine Konfrontation mit Russland anzuzetteln. Doch die Blattmacher und Leitartikler der Welt hetzen - wieder einmal – bereitwillig jeder neuen Sau hinterher, die durchs globale Dorf getrieben wird, auch wenn die einen bekannten arabischen Namen hat und schon überall in der Welt auftauchte.

Den Schaden haben - wieder einmal – Georgien und seine Einwohner, die erneut eine perfekte „PR-Kampagne“ frei Haus geliefert bekommen. Ob dies der amerikanische Diplomat, der die Al Qaida Lawine losgetreten hat, als Manöver-Risiko einkalkulieren musste, weiss man nicht. Er fährt mit Familie und Freunden jedes Wochenende im Grossen Kaukaus Ski. Sicher ist: Wenn Georgien wirklich der „Hort der Al Qaida“ wäre, wie eine deutsche Zeitung die amerikanisch-russischen Einflüsterungen flugs in Schlagzeilen goss, dann würden es die Sicherheitsbestimmungen Amerikas gewiss nicht zulassen, dass seine Diplomaten scharenweise und ungeschützt jeden Sonntag ein und diesselbe kaukasische Piste hinunterwedeln. Der einzige georgische Skilift im Grossen Kaukasus ist gerade mal 60 km Luftlinie von der tschetschenischen Grenze entfernt und erfahrene Terroristen aus dem Pankisital können das Diplomatenskiparadies an der Georgischen Heerstrasse leichter erreichen als Tschetschenien, zumal dann, wenn sie schon den weiten Weg aus Afghanistan unerkannt hinter sich gebracht haben.

Rainer Kaufmann

 

Internationale Schlagzeilen zum Thema

TIME europe
Jihad Comes to Georgia

TAZ
Georgien als Al-Qaida-Hort

Independent
Collapse of Georgia Ignored by the World

Guardian
US targets al Qaida in Georgia

Neue Züricher Zeitung
Al Kaida Kämpfer nach Georgien geflüchtet?

FAZ
Al Qaida-Kämpfer nach Georgien geflüchtet

Der Spiegel
Anti-Terror-Krieg: US-Spezialtrupp sucht Bin Laden im Kaukasus

Solange Osama Bin Laden nicht gefasst ist, ist für die USA der Feldzug gegen den Terror nicht vorüber. Nun ist ein amerikanisches Vorauskommando in Georgien eingeflogen, um al-Qaida-Terroristen zu jagen.

Moskau/Washington - Der Trupp ist für einen möglichen Anti-Terroreinsatz in der Kaukasusrepublik eingetroffen, berichtete die russische Zeitung "Nesawissimaja Gaseta" am Mittwoch ohne Angabe von Quellen. Die Soldaten sollen danach eine Operation im Pankisi-Tal an der Grenze zu Russland vorbereiten. Es handele sich um Militärberater oder Fernmeldetechniker.

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