Ausgabe 2/02, 23. Februar
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Der lange Abschied des Eduard Schewardnadse

In einermehrteiligen Serie beschäftigt sich Georgien-News Herausgeber Rainer Kaufmann mit der politischen Entwicklung Georgiens während der letzten zehn Jahre. Diese Zeit ist untrennbar mit dem Namen Eduard Schewardnadse verbunden, wenngleich in Georgien derzeit die Medien das vorzeitige Ende der Ära Schewardnadse herbeizuschreiben versuchen. Für die Georgier gilt seit beinahe zwei Generationen, dass ohne Eduard Schewardnadse nichts geht im Land, gegen ihn schon gar nicht. Nach der Betrachtung seiner kommunistischen Laufbahn in der letzten Ausgabe, geht es in dieser Ausgabe um die ersten Jahre Georgiens nach Ende der Sowjetunion, in denen sich das Land in innen- und aussenpolitische Krisen stürzte.

Georgien am Ende der UdSSR

Das Ende der Sowjetunion fand in Georgien ohne Eduard Schewardnadse statt, wenngleich ihm immer wieder nachgesagt wird, auch in dieser Zeit von Moskau aus manche Fäden in der Kaukasus-Republik gezogen zu haben. Während er an der Seite von Gorbatschow noch um den Fortbestand der UdSSR in moderner Form rang, hatte sich in Georgien unter der Führung des früheren Dissidenten Swiad Gamsachurdia eine nationale Bewegung gebildet, die nur noch ein Ziel kannte: die völlige Unabhängigkeit. Trauriger Höhepunkt dieser turbulenten Zeit in Tbilissi war der 9. April 1989, als die Sonderpolizei Omon auf dem Rustaweli-Prospekt, der Prachtstrasse der georgischen Hauptstadt, eine Demonstration von Studenten und Intellektuellen mit Hilfe von Klappspaten und Giftgas auflöste und dabei 21 Demonstranten tötete und viele verletzte. Es war ein letztes, sinnloses Aufbäumen der untergehenden Sowjetmacht in Georgien mit der Folge, dass im Frühjahr 1990 bei den Wahlen zum Obersten Sowjet der Republik ein Bündnis der Nationalisten siegte, der sogenannte „Runde Tisch“ mit seinem Sprecher Swiad Gamsachurdia und dem erklärten Ziel, Georgien aus der Sowjetunion, die damals noch bestand, in seine nationale Unabhängigkeit zu führen.

Im Anschluss an den Putsch gegen Gorbatschow im August 1990 mühten sich georgische Abgesandte Gamsachurdias in Moskau vergeblich um einen Durchbruch auf dem diplomatischen Parkett. Ranghohe Beamte des georgischen Außenministeriums liefen sich in diesen Tagen die Hacken ab, um westliche Botschaften zur sofortigen Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit einem unabhängigen Georgien zu bewegen. 40 diplomatische Anerkennungen hatte ihr Präsident Gamsachurdia im heimischen Tbilissi von seinen Emissären in Moskau gefordert, freilich ohne Erfolg, denn die Staaten der Welt setzten zunächst einmal auf die kurze Zeit später gegründete  GUS als kalkulierbaren  Nachfolger der UdSSR denn auf unabhängige Staaten, wenngleich damals noch niemand eine genaue Idee davon hatte, was aus diesem neuen Staatenbündnis werden sollte.

Georgien verzichtete neben den baltischen Staaten als einzige ehemalige Sowjetrepublik, der GUS beizutreten, mit schwerwiegenden Folgen vor allem für die Wirtschaft des Landes, die sich damit von ihren früheren Beschaffungs- und Absatzmärkten abnabelte. Statt dessen feierte man im April 1991 die Ausrufung einer selbständigen Republik Georgien und wählte im Mai 1991 Swiad Gamsachurdia mit überzeugenden 86 % der abgegebenen Stimmen zum ersten demokratischen Staatspräsidenten. Während andere ehemalige Provinzfürsten der KPDSU in ihren jungen Ländern zu Staatsoberhäuptern mutierten, war Eduard Schewardnadse zunächst einmal aus dem Geschäft und musste von Moskau aus tatenlos zusehen, wie „seine Republik“ in einen gefährlichen Nationalismus abdriftete, der Georgien immer weiter isolierte.

Gamsachurdias schnelles Ende

Gamsachurdias Politik war zum Scheitern verurteilt. „Jetzt sind wir Georgier endlich wieder Herren im eigenen Hause“ dekretierte er, und alle anderen sind unsere Gäste, wobei er und seine Gefolgschaft vor allem in den Gebieten der ethnischen Minderheiten keinen Zweifel daran aufkommen liessen, dass es durchaus auch ungebetene Gäste in Georgien gab, denen man zu gegebener Zeit den Stuhl vor die Tür setzen könne. In einem Land, dessen rund 5 Millionen Bevölkerung nur zu etwa 70 % aus ethnischen Georgiern besteht und das Gebiete mit mehr als 90 % nichtgeorgischer Bevölkerung hat, war dies eine nahezu selbstmörderische Politik, denn neben den Abchasen und Osseten im Norden Georgiens waren auch die Armenier und Aseris im Süden und Südosten Georgiens keinesfalls bereit, ihre angestammten Wohngebiete, alles besonders fruchtbare Ackerbauregionen, aufzugeben. Sezessionsprobleme und innenpolitische Spannungen nicht nur in den im Westen bekannt gewordenen Konfliktregionen Abchasien und Südossetien waren die natürliche Folge dieser Politik.

Dazu kam die stramm antirussische Haltung Gamsachurdias, die die gesamte russische Technokratenelite Georgiens zurück ins Mutterland trieb, das seinerseits die aufmüpfigen Südkaukasier mit Wirtschaftssanktionen bestrafte, vor allem damit, dass Georgien, obwohl der Rubel noch offizielle Währung war, bei galoppierender Rubel-Inflation keinerlei Nachschub an Banknoten erhielt. Damit brachen alle öffentlichen wie privaten Haushalte über Nacht zusammen, womit sich zumindest teilweise die heute noch katastrophale Situation der öffentlichen Infrastruktur und so manche seit einem Jahrzehnt offensichtlich dahin schlummernde Baustelle im Land erklären lässt. Denn während andere Ex-Sowjetrepubliken im Übergang zur Selbständigkeit zumindest ihren Staatshaushalt und damit die notwendigsten Aufgaben der Daseinsvorsorge absichern konnten, mussten die Georgier Anfang der neunziger Jahre erst einmal in eigenes Zahlungsmittel einführen, den sogenannten Kuponi. Nur mit diesem Notgeld, das das Papier kaum Wert war, auf dem es gedruckt wurde, konnte die junge Republik ihren Staatshaushalt wenigstens rechnerisch darstellen. Für Kuponi gab es damals nur die staatliche Brotration und Karten für U-Bahn und Oper, die allerdings selten spielte in diesen Tagen. Alle anderen Lebensmittel auf dem freien Markt wurden in Rubel gehandelt, Investitionsgüter selbstverständlich in Dollar. Dem Kuponi traute niemand über den Weg. Und seit dieser Zeit hat sich, mit Ausnahme der letzten drei Jahre, da wieder öffentliche und private Investitionen in nennenswertem Umfang zu verzeichnen sind, der Zustand der georgischen Strassen und Gebäude, vor allem der öffentlichen, mehr und mehr verschlechtert.

Vom Paradies zum Armenhaus

Die Georgier, einst die Paradiesvögel der Sowjetunion, fanden sich über Nacht in einem Armenhaus wieder und das in ihrem eigenen, gottgelobten Land. Die Freiheit, auch die Freiheit zum politischen Irrweg, wurde mit einem hohen Preis bezahlt. Gamsachurdia war sicher eine charismatische Erscheinung aus der Dissidentenzeit,. Als Politiker und Gestalter war er hoffnungslos überfordert, ohne überzeugendes Konzept für die Zukunft des Landes. Er setzte auf ein mittelalterlich anmutendes Ideal georgischer Ritter und Edelmänner, denen er eine von Gott gewollte Führungsmission im Kaukasus zusprach, eine Mission, die von den Nachbarn freilich kaum akzeptiert werden sollte, noch nicht einmal von den Minderheiten im eigenen Lande. Eine Vision, die den Georgiern eine Identifikation bringen sollte, die in den glanzvollen zwei Jahrhunderten des Mittelalters wurzelte, anstelle einer Konzeption, die den Weg des Landes in eine moderne Zukunft wies.

Gamsachurdia liess um sich und seinen Vater, einen beliebten georgischen Schriftsteller, einen Personenkult ohnegleichen aufziehen und schottete sich immer mehr auch gegen kritische Stimmen aus dem eigenen Land ab. Jedem, der an ihm und seiner Vision von der georgischen Wiedergeburt zweifelte oder ihn auch nur leise kritisierte, liess er das Etikett eines Moskauer KGB-Agenten anhaften. „Wir brauchen keine Opposition“, war damals die Meinung der 150-% igen Swiadisten – so nennt man heute noch die Anhänger Gamsachurdias -, „die Meinung unseres Volkes drückt sich im Willen unseres Präsidenten aus“.

So kam, was kommen musste: Vor allem Intelektuelle, Professoren und Studenten, die sich die neu gewonnene Freiheit nicht durch die ideologische Gängelung eines immer mehr zum Diktatoren abgleitenden Autokraten nehmen lassen wollten, gingen auf die Strasse, um gegen Gamsachurdia, der ihnen zweifelsohne die nationale Unabhängigkeit erkämpft hatte, und seine Politik, die diese wieder gefährdete, zu demonstrieren. Und dieser reagierte wie seine Vorgänger mit Polizeieinsätzen und Gewalt, die schnell eskalierten, statt mit Einsicht und Bereitschaft zum Dialog.

Der Dezemberputsch 1991

Im Dezember 1991 übernahmen kurz vor Weihnachten private Milizen den Protest der Studenten und Professoren und schossen sich auf den Präsidentenpalast in Tbilissi ein, ein überaus solider Gebäudekomplex, der nach dem 2. Weltkrieg von deutschen Kriegsgefangenen erbaut worden war. Der Putsch dauerte gut zwei Wochen, spielte sich jedoch fast ausschliesslich auf wenigen 100 Metern auf dem Rustaweli-Prospekt zwischen Freiheitsplatz und Hotel Tbilissi ab, das jetzt gerade unter der Regie von Marriott renoviert wird und seiner Eröffnung entgegen sieht. Gamsachurdia igelte sich über Neujahr in den weiten Bunkeranlagen des Palastes ein, während die Putschisten auf der Strasse Zulauf von dessen Ministerpräsidenten Tengis Sigua bekamen. Auf Seiten der Angreifer stand mit Tengis Kitovani ein weiterer früherer Vertrauter Gamsachurdias, sein ehemaliger Leibwächter und, wenn man so will, der erste Verteidigungsminister Georgiens, Glasmaler von Hauptberuf mit krimineller Vergangenheit, der schon lange davor mit einem Teil der georgischen Nationalgarde von seinem Mentor abgefallen war. Zusammen mit den Mchedrioni, der Privatarmee eines ehemaligen Bankräubers namens Dschaba Josseliani, der sich nach der Entlassung aus sowjetischen Gefängnissen erst einmal als Dramaturg und Theaterwissenschaftler getarnt hatte, war zu Beginn des Jahres 1992 eine Streitmacht vor dem Palast des Präsidenten versammelt, die diesen schliesslich zur Aufgabe zwang. Gegen die Zusicherung freien Geleites verliess Gamsachurdia Tbilissi und fand Exil ausgerechnet im tschetschenischen Grosny, wo sein Freund Dschochar Dudajew ebenfalls für einen stramm antirussischen Kurs stand.

Später, gleich nach dem für Georgien verlorenen Krieg um die abtrünnige Provinz Abchasien, sollte er mit einer kleinen Schar getreuer Kämpfer aus Westgeorgien, seiner Heimat, noch einmal versuchen, die Macht, die Eduard Schewardnadse längst übernommen hatte, zurückzuerobern. Ein aussichtsloses Unterfangen, da Russland, das zuvor die Abchasen in ihrem Kampf gegen Georgien unterstützt hatte, dem in Bedrängnis gekommenen Schewardnadse zu Hilfe kam und die wichtige Eisenbahnlinie vom Schwarzen Meer nach Tbilissi schützte, derer sich Gamsachurdia bemächtigen wollte, um Tbilissi auszuhungern und damit unter Druck zu setzen. Moskau war ein geschlagener und gedemütigter Schewardnadse allemal lieber als die Rückkehr des nationalistischen und unberechenbaren Gamsachurdia. Einige Zeit später kam dieser in seinem tschetschenischen Exil auf mysteriöse Weise ums Leben. Mord, sagen seine Anhänger, Selbstmord die offiziellen Stellen Georgiens – es gibt so viele Versionen dieses Todes wie es politische Meinungen gibt in Georgien. Sicher ist nur, Gamsachurdia, der Georgien zunächst in die Freiheit und dann in eine selbstmörderische Isolation führte, ist am 31.12. 1993 gestorben. Seine Anhänger, heute nur noch wenige Hundert in Tbilissi und einige mehr in Westgeorgien, reklamieren bis heute die Führung des Landes für ihn, den ersten demokratisch gewählten Präsidenten, der im Putsch Anfang 1992 abgesetzt worden war. Sie leugnen bis heute die demokratische Legitimation Schewardnadses.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe

 

 

 


Der weisse Fuchs


Das 1. Gymnasium nach dem Putsch im Januar 1992

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