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Ausgabe 2/02, 23. Februar
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Das erstaunliche Comeback eines Wintersportzentrums Wenn in Salt Lake City die Olympiafanfaren erklingen, dann gibt es Leute in Bakuriani, denen es etwas schwer ums Herz wird. Sie denken an früher, als sie noch eines der wichtigsten Trainingszentren der sowjetischen Olympiamannschaft waren und daran, dass es damals sogar ernsthafte Überlegungen gab, Bakuriani als sowjetische Olympiabewerbung aufzubauen. Von alledem ist nicht mehr viel übrig und dennoch, der in den letzten zehn Jahren fast eingeschlafene Wintersportort ist wieder aufgewacht und präsentiert sich hellwach, zumindest was den Inlandstourismus angeht. Nirgendwo wurde in den letzten zwei Jahren mehr gebaut und saniert und nirgendwo in Georgien, mit Ausnahme von Kobuleti im Sommer, gibt es mehr Touristen als in Bakuriani. Und es scheint, als ob dem wunderschön gelegenen Dorf im Kleinen Kaukasus das grosse Comeback erst noch bevorstünde. Wer Bakuriani vor drei oder fünf Jahren erlebte, traut seinen Augen nicht, wenn er jetzt zur Wintersaison reinschaut: Kolonnen an grossvolumigen Allradfahrzeugen preschen die neu sanierte Strasse von Bordschomi nach Bakuriani hinauf. Die Dorfstrasse ist übersät mit Marktständen, kleinen fliegenden Geschäften, in denen allerhand lokale Produkte angeboten werden, darunter auffallend viele Gläser mit eingeweckten Pilzen. Im Sommer kann man in Bakuriani Pilze mit der Sense ernten. Neben einem kleinen Cafe gibt es jetzt sogar einen recht gut sortieren Supermarkt. Das Angebot an Restaurants dagegen ist noch recht dürftig. Essen gibt es eigentlich nur in den Hotels. Unzählige Pferdeschlitten gleiten durch die Gassen und bieten für bis zu 10 GEL eine Rundfahrt durch den ganzen Talkessel von Bakuriani an. Daneben flitzen mindestens dreimal soviele Skibobs herum, die mit ihren Zweitaktmotoren die reine Gebirgsluft nicht gerade angenehm anreichern. Bakuriani am vergangenen Wochenende: es war diesig, hat ständig geschneit und trotzdem, es war ein ungeheures Leben im Dorf und auf den Pisten. Anders als in Gudauri, wo nur eine Liftstrecke mit teilweise recht anspruchsvollen Abfahrten zur Verfügung steht, gibt es in Bakuriani neben dem grossen Sessellift auf den Kochta noch 9 mittlere und kleinere Schlepplifte mit Pisten, die für Kinder und Anfänger geeignet sind. Damit zeigt sich Bakuriani vor allem kinder- und familienfreundlich. Eine Eisbahn gibt es dazu, jede Menge Möglichkeiten zum Spazierengehen, Schlittenfahren, Wandern und Reiten. Verglichen mit Gudauri, dem anderen Wintersportzentrum Georgiens, ist Bakuriani eben vielfältiger im Angebot, wenngleich die Abfahrtsstrecke in Höhe, Länge und Anspruch weit hinter der Gudauris einzuordnen ist. Der Hauptlift auf den Hausberg Kochta geht von 1.700 m auf rund 2.200 m, der umliegende Hauptkamm des Vulkankraters mit Höhen bis zu 3.000 m ist (noch) nicht erschlossen. Wenn jetzt noch eine Langlaufloipe dazu käme, wäre das Wintersportparadies im Kleinen Kaukasus nahezu perfekt. Ein 5 km langer, gut asphaltierter Rundkurs für Roller-Training im Sommer gibt es bereits. Diese Piste im Winter als Anfang eines Langlauf-Zentrums zu nutzen, scheitert an der noch fehlenden Nachfrage oder an der mangelnden Fantasie der Bakurianer, einmal etwas Neues anzubieten. Wenn es aber für Bakuriani eine Chance gibt, Wintersportler aus Europa anzulocken, dann nur als Langlaufzentrum, wobei jeder, der diesen Sport kennt und liebt, weiss, dass es auch in den Alpen kaum einen Ort gibt, der bessere Voraussetzungen für ein Langlaufparadies mitbrächte als Bakuriani. Der weite Talkessel, die bewaldeten Hänge und Hügel ringsherum, die benachbarten Dörfer Didi Mitarbi oder sogar das verträumt schöne Griechendorf („Kalimera“) Zichisdschwari bieten sich als Gelände und Ziele für ganztägige Langlaufausflüge geradezu an. Dazu kommt das Bettenangebot, das das von Gudauri weit übertrifft: Acht grosse Hotels sind mittlerweile angemessen bis sehr gut saniert und verfügen zusammen über mehr als 500 Zimmer und Appartments, das sind mehr als 1.000 Betten. Gudauri zum Vergleich bietet wohl nicht mehr als 450 Betten. Rund 35 Privatpensionen mit bis zu zehn Zimmern sind vor allem in den letzten drei Jahren entstanden, sie bieten einen angenehmen familiären Komfort. Rund 20 solcher Privat-Hotels sollen bis zur nächsten Wintersaison noch entstehen. Dazu kommen Hunderte von Privatunterkünften, denen es dann allerdings an den für westliche Reisende erforderlichen sanitären Grundvoraussetzungen mangelt. Aber auch diese Unterkünfte sind begehrt, die Leute in Bakuriani erzählen, dass über Sylvester und während der ersten zwei Ferienwochen im Januar kein einziges Bett mehr frei gewesen wäre, es hätten einige Gäste aus Tbilissi sogar in ihren Autos übernachten müssen. Die Preise sind im Rahmen, eben auch familienfreundlich: 5 - 15 GEL pro Person (ohne Frühstück) in einfachsten Privatunterkünften, 15 – 35 $ po Person in Privatpensionen und einigen der grösseren Hotels, etwa 50 $ in der „Nobelabsteige“ dem Hotel Vere Palace. Alle Hotels und Privatpensionen bieten zwei oder gar drei Mahlzeiten am Tag inklusive. Felix und Luce Kumaritaschwili haben im vergangenen Jahr eine kleine Privatpension aufgebaut. Felix ist Rodeltrainer, lebte lange Jahre in Europa, vor allem in Frankreich, wo er nicht nur Luce, seine Frau, kennenlernte sondern auch die Tradition alpenländischer Familien-Gastronomie mit ihren kleinen Pensionen und Hotels. Diese Erfahrung hat er jetzt nach Bakuriani mit der Pension „Hotel EURO SABA“ gebracht. Sechs Doppelzimmer, ein schöner Gastraum und eine rustikale Bar stehen zur Verfügung, über die Wintersaison ist man gut ausgebucht mit Gästen aus Tbilissi, Georgiern und einigen Ausländern. Derzeit ist Luce, die Französin, alleine in Bakuriani. Felix hat es nach Salt Lake City gezogen, wo er als Betreuer des georgischen Skispringers Kacha Tsakadse fungiert, der ebenfalls aus Bakuriani stammt. Somit hat der verhinderte Olympiaort wenigsten einen kleinen Anteil am grossen Sportgeschehen dieser Tage, wenngleich Kacha in Salt Lake City unter ferner liefen zu verbuchen war. Als Limonadenfahrer in Amerika ohne Sponsoren-Unterstützung fehlt im das notwendige Training für die grosse sportliche Karriere, die in den 60-er Jahren seinen Vater Koba Tsakadse weltbekannt gemacht hatte. Dieser räumte als „sowjetischen Weitenjäger“ auf allen Skischanzen der Welt Preise und Pokale ab, u.a. auch bei der Vierschanzentournee, wenngleich er es nie zu olympischem Edelmetall gebracht hat. Sein kleines Privatmuseum in Bakuriani ist für Sportbegeisterte vor allem älteren Jahrgangs dennoch sehenswert, man trifft dort auf Fotos und in Zeitungsausschnitten auf jede Menge alter Bekannter und Sportgrössen von damals. Dagegen sind die drei Sprungschanzen in Bakuriani, früher einmal Zentrum der sowjetischen Skispringerei, nicht mehr benutzbar und es mangelt an Geld für deren Sanierung, wohl auch an Geld für einen späteren regelmässigen Betrieb. Ähnlich wie bei Felix und Luce sieht es in vielen der neu erbauten Pensionen aus, zum Beispiel in der Villa Bakuriani im Ortszentrum. Sechs Doppelzimmer, 30 $ pro Person in der Wintersaison, 20 – 25 $ im Frühjahr und Sommer, bringen ein sauberes Einkommen für die Familie, die rechtzeitig erkannt hat, dass es mit dem Tourismus in Bakuriani wieder aufwärts geht und deshalb in das kleine Hotel investierte. Diese Erkenntnis hatten Lia und Valiko Abramischwili schon vor sieben Jahren. Sie waren die Pioniere im nachsowjetischen Tourismus von Bakuriani und eröffneten damals die erste kleine Privatpension, im ersten Jahr noch ohne Heizung und mit nur zwei Toiletten für 6 Zimmer. Jahr für Jahr haben die beiden das Ersparte reinvestiert: zunächst eine Heizung, dann einen kleinen Frühstücksraum, später eine Sauna, im vergangenen Jahr haben sie in alle Räume Nasszellen eingebaut und für diesen Winter den Speiseraum erweitert. Beide managen auch eines der grösseren Hotels, die sogenannte „Tourbasa“, ein alter sozialistischer Hotelkomplex, der in den letzten Jahren ebenfalls von Grund auf saniert wurde, zumindest im sanitären Bereich. Auch die Tourbasa ist über Winter gut ausgebucht. Noch sind einige der frühren Hotelkolosse nicht saniert und ausser Betrieb, u.a. auch das grosse Olympiazentrum am Ortsende. Aber wenn die Entwicklung so dynamisch weitergeht wie in den vergangenen zwei Jahren, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die entsprechenden Investoren finden. Denn im Gegensatz zu Gudauri, wo es nur eine Wintersaison gibt, hat Bakuriani mit den schönen Wäldern der Umgebung auch im Sommer ein touristisches Potential, das durchaus mit dem Allgäu oder Südtirol verglichen werden kann. Und vieles hier erinnert tatsächlich an die Situation in Südtirol vor 30 Jahren, zum Beispiel an das Antholzer Tal, das damals noch ziemlich abgeschlossen vor sich hin schlief. Heute zählt es mit seiner Biathlon-Anlage zu einem der bekanntesten Wintersportplätze der Alpen, eine Entwicklung, von der man in Bakuriani - mit einigem Recht - träumen kann. Wenn es den Bakurianer wieder gelingt, den russischen Markt zu reaktivieren, dann steht ihr Dorf tatsächlich vor einer grossen wirtschaftlichen Zukunft als Zentrum des kaukasischen Tourismus auch ohne ehrgeizige Olympia-Pläne. Denn ein solches Grossereignis, wenn es denn überhaupt finanzierbar wäre, würde den verträumten Charme, den das Dorfzentrum von Bakuriani trotz seiner vielen altsozialistischen Hotelkomplexe am Ortsrand noch immer ausstrahlt, endgültig zunichte machen. Reisen und und Ausflüge nach Bakuriani vermitteln ERKA-Reisen und das TTC, Tbilisi Tourist Center.
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