Ausgabe 9/02, 19. Juni
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Das blau-weisse Firmenlogo "Gorkoni" ist von Hand gemalt und sieht reichlich hausbacken aus, wenn man die Produktpräsentation im Zimmer der Generaldirektorin der Gori-Konserven- und Saftfabrik sieht. Natürlich erinnert das alles ein wenig an alte Zeiten, das holzverkleidete Büro, der Firmeneingang, der heruntergekommene Fabrikhof. Und Marina Kitiaschwili, die resolute Chefin, die in ihrem Auftritt ebenso an alte Zeiten erinnert, sagt, dass das alles sehr schwer sei, heutzutage, eine solche Fabrik über die Runden zu bringen. Das sagen sie alle, die irgendwo im Lande an vergleichbarer Stelle stehen. Und dann öffnet sie ein paar Flaschen ihrer Obstsäfte und der Besucher, der gelangweilt und doch ein wenig mitleidend das bekannte Klagelied von den guten und den schlechten Zeiten angehört hatte, spürt sofort, dass da was drin ist in diesen Flaschen. Gorkoni ist wirklich ein Saftladen mit Perspektive, wenn er in die richtigen Hände käme, d.h., wenn das notwendige Kapital für Einkauf, Produktion und Marketing aufzutreiben wäre. Denn das, was Kalbatono Marina mit ihren Leuten derzeit produziert, ist mehr als nur geniessbar. Und, so fügt sie hinzu, es ist Natur pur.

So wird ein Firmenbesuch in Gori zu einem überraschend erfreulichen Test für Säfte und Marmeladen, die Gorkoni heute am Markt anbietet. Früher waren es einmal über 120 Produkte, heute sind es nur noch 30. Früher belieferte man die gesamte Sowjetunion, heute fast nur den heimischen Markt. Früher verarbeitete man mindestens 35.000 Tonnen an Obst und Gemüse pro Jahr, heute nur noch rund 6.000. Früher arbeiteten hier einmal 1.200 Menschen in der Saison, heute sind es vielleicht noch 200, ausserhalb der Saison gerade mal 80. Früher ...., heute ...., man will schon gar nicht mehr hinhören, die Liste liesse sich verlängern, sie klingt bekannt.

Beschäftigen wir uns zunächst einmal mit den angenehmen Seiten unserer Stippvisite. Und das ist zweifelsohne die Qualität der Fruchtsäfte. Wo zum Beispiel bekommt man einen naturreinen Sauerkirschensaft wie den aus Gori? Oder einen Quittensaft, einen natürlich-dickflüssigen Pfirsichsaft oder einen Waldhimbeersaft? Oder den Tomatensaft, der dem GN-Testteam besonders gut mundete. Ausgezeichnet auch die beiden Adschikas und die Sauerkonserven, Gurken, Tomaten und Pickles - alles Produkte, mit denen Gorkoni sich wirklich sehen lassen kann.

Als Safttester vergassen wir hier schnell all die international-exotischen Einheits-Multivitamin-Konzentrat-Aufgüsse auf Apfelsaftbasis, die in unseren europäischen Supermärkten herumstehen. Gut, das, was Gorkoni anbietet, ist weniger spektakulär, nicht annähernd so werbewirksam aufzumachen, aber es hat halt noch - oder vielleicht wegen des Abschieds von der Sowjetproduktion wieder - einen Hauch von "Grossmutter"-Qualität, den man bei uns zu Hause zu schmerzlich vermisst. Emulgatoren oder Konservierungsstoffe kennt man bei Gorkoni nicht, sagt Boss Marina mit Stolz, nur Zucker, eben wie bei Grossmutter in seligen Zeiten. Die Lebensmittelingeneurin ist seit 1976 im Betrieb, vorher war sie Direktorin in einem Brotkombinat. Auch das eine ganz normale Geschichte hierzulande. Jetzt kämpft sie mit den Problemen der Marktwirtschaft, in die man sie gestossen hat.

Durchaus positiv empfanden wir auch die Qualität der Marmeladen und Konfitüren, wenngleich diese nicht ganz die Einzigartigkeit des einen oder anderen Fruchtsaftes erreichen. Ganz hübsch allerdings die Idee mit den drei Gläsern Konfitüren aus grünen Haselnüssen, Feigen und weissen Kirschen in einem kleinen Bastkörbchen, in Folie eingeschweisst - ein nettes Souvenir. Oder die Kornellkirschenmarmelade, ein süss-säuerliches Produkt, das ausgezeichnet passt zu einem Fruchtmüsli mit Joghurt oder zu einem ganz einfachen Pfannkuchen, egal ob er nun Blini genannt wird oder Palatschinken. Oder die ganzen Mandarinen in einem Zuckersirup. Beides, mandarinen und Kornellkirschenmarmelade sind leider ausverkauft. Ob sie in diesem Jahr wieder produziert werden können, hängt von der allgemeinen wirtschaftlichen Situation des Betriebes ab.

Und damit wären wir bei der Abteilung Betriebswirtschaft und Sorgen angelangt. Es fehlt hinten und vorne am nötigen Kapital, die Mengen an Obst und Gemüse aufzukaufen, die in der Gegend rund um Gori angebaut werden oder einfach wachsen und von den Bauern vielfach nicht vermarktet werden können. Und es fehlt am nötigen Kleingeld für Marketing und Werbung, damit man mit den Importprodukten mithalten kann. Man hat zwar 2001 ein neues Verpackungsdesign geschaffen, aber dies ist, verglichen mit westlichen Produktausstattungen einfach zu wenig, um im Supermarkt aufzufallen. Und für eine entsprechende TV-Werbung, die den Verkauf ankurbeln könnte, fehlt es wieder am nötigen Kleingeld.

Auch im Export tut sich nicht allzuviel. Apfelsaftkonzentrat wird in nennenswerten Mengen bereits ins Ausland verkauft, hauptsächlich nach Deutschland. Und Adschika nach Amerika, wo es insbesondere in Läden steht, in denen Exilrussen einkaufen. 40.000 Flaschen hat man im letzten Jahr über den Atlantik verschifft, ein einziges Mal. Und die europäischen Einkäufer für Halbfertigprodukte haben Georgien noch nicht entdeckt. Leider, denn dabei gäbe es hier in Gori jede Menge interessanter Produkte. Unser Geheimtipp für alle Produktmanager, die nach Produktinnovationen suchen, die es in Europa kaum noch gibt: Kornellkirschen-Marmelade und der pure Saft sonnengereifter Tomaten. Zweifelsohne etwas für Lafer und Co, wenn Zentis, Schwartau und Co das erst einmal entdecken. Aber deren Einkäufer reisen lieber in Maracuja-ferne Gegenden statt sich vor der Haustür Europas, im Kaukasus, umzusehen. So wird halt noch jede Menge Wassers die Kura hinunterfliessen, bis sich bei uns herumgesprochen hat, dass es im Kaukasus Saftläden mit Perspektive gibt. Und Obst, dessen Qualität und Aromen bei uns längst weggezüchtet wurde.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ERKA-Verlag ©2002