Erwachsenenbildung und lebenslanges Lernen

 

1. Warum sind wir auf lebenslanges Lernen angewiesen?

 

In der Vergangenheit…

 

beendete man die Schule, erlernte einen Beruf oder erwarb einen Hochschulabschluss und suchte sich im Anschluss eine Arbeit. Gegebenenfalls arbeitete man sich in der Firma nach oben und verabschiedete sich schliesslich in die Rente. Die Volkswirtschaften wurden vom Industriesektor und einem großen Beamtenapparat getragen. Eine Anstellung galt für Arbeitnehmer „auf Lebenszeit“. Die technische und wirtschaftliche Entwicklung vollzog sich schrittweise und in gemäßigtem Tempo. Falls eine Umschulung nötigt wurde, besuchte man eine Bildungseinrichtung, eine Akademie oder unternehmensinterne Weiterbildungskurse. Einige Menschen qualifizierten sich weiter. Die weltwirtschaftliche Lage war stabil und Veränderungen waren relativ leicht vorauszusehen. 

 

In der Gegenwart…

 

verlassen nur sehr wenige Jugendliche die Schule, um sofort eine Arbeit zu ergreifen. Die meisten streben einen höheren Bildungsabschluss an, sowohl in der beruflichen wie auch in der universitären Ausbildung. Es wird häufig der Arbeitsplatz und der Beruf gewechselt. Entwickelte Volkswirtschaften stützen sich auf kleinere dynamische Unternehmen, die Wissen akkumulieren und anwenden, um Dienstleistungen und höherwertige Technologieprodukte anzubieten. Nur wenige Jobs sind noch „auf Lebenszeit“.  Die technische und wirtschaftliche Entwicklung vollzieht sich rapide und in beschleunigtem Tempo. Sehr viele Arbeitnehmer benötigen neue Qualifikationen in Bereichen, die so schnell entstehen, dass Weiterbildungsinstitutionen Mühe haben, ihr Bildungsangebot an diese Entwicklungen anzupassen. Die weltwirtschaftliche Entwicklung ist turbulent und Veränderungen sind schwierig vorauszusagen.

 

In der Zukunft…

 

wird der Erwerb von Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen ein kontinuierlicher Prozess sein - vom Kindergarten bis zum Rentenalter, von der „Wiege bis zum Grab“. Weniger wird nicht ausreichen, um mit der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten. Die Welt benötigt fähige Bürger, Angestellte, Unternehmer und Regierungen, die in der globalen Weltwirtschaft leben, arbeiten und daran teilnehmen. Kein Mensch, kein Unternehmen und kein Land wird davon ausgenommen sein. Das ist der Weg zur “Informationsgesellschaft”.

Dieser konstante Prozess der Weiterentwicklung von Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen wird auch unter dem Begriff des “Lebenslangen Lernens” zusammengefasst.

 

2. Was genau ist Lebenslanges Lernen?

 

Gemäß dem “Memorandum über Lebenslanges Lernen” der Europäischen Kommission versteht man unter Lebenslangem Lernen „alle Lernaktivitäten, die während eines Lebens aus persönlichen, zivilen, sozialen und/oder Arbeitsgründen mit dem Ziel unternommen werden, Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen weiterzuentwickeln“.

Lebenslanges Lernen beschreibt, wie sich das Wissen, die Fähigkeiten und Kompetenzen eines Menschen innerhalb seines Lebens entwickeln. Dieser Ansatz erkennt an, dass Wissen und Fertigkeiten sowohl durch Erfahrungen am Arbeitsplatz und im sozialen Umgang wie auch durch formales und nicht-formales Lernen erworben werden können.

 

3. Warum ist Europa am Lebenslangen Lernen interessiert?

 

Die Europäische Union hat das Konzept des “Lebenslangen Lernens” übernommen, um die Entwicklung einer „europäischen Informationsgesellschaft“ zu unterstützen. Diese wird von der Europäischen Kommission definiert als „eine Gesellschaft, deren Funktionieren auf der Akkumulierung, Verbreitung und Anwendung von Wissen basiert“.[1] Im Mittelpunkt stehen dabei die „immateriellen“ Güter und Dienstleistungen, darunter die digitale und Biotechnologie, Tourismus, Verkehr, Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Finanz- und private Dienstleistungen. Das heißt nicht, dass das verarbeitende Gewerbe, die Basis der traditionellen Industriegesellschaften, ihre Bedeutung verliert. Aber sein weiteres Bestehen ist zunehmend von der Fähigkeit abhängig, mit Digitaltechnik, IT- und Kommunikationstechnologien, Robotern und computergesteuerten Systemen umzugehen, mehr als von den eigentlichen technischen und manuellen Fertigkeiten. Darüber hinaus verändern sich diese „neuen“ Technologien sehr schnell und verlangen komplexes Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen, darunter auch persönliche und zwischenmenschliche sowie die Fähigkeit, Arbeitsprozesse selbstverantwortlich zu planen. 

 

4. Warum ist lebenslanges Lernen für Georgien wichtig?

 

Das Konzept des Lebenslangen Lernens ist für die Reformprozesse in den Transformationsländern von großer Bedeutung. Transformationsökonommien müssen stärker in Humankapital investieren und die Qualifikationen ihrer Bevölkerung erhöhen, um den fundamentalen Änderungen in der Weltwirtschaft - wie der wirtschaftlichen Globalisierung, der rasanten technologischen Entwicklung und dem zunehmenden weltweiten Wettbewerb - begegnen zu können.

Bildungssysteme, die an die realtiv stabilen und nur durch allmähliche Veränderungen gekennzeichneten Bedingungen der Vergangenenheit angepasst waren, entsprechen nicht mehr den Anforderungen in Gegenwart und Zukunft. Man muss außerhalb traditioneller Gedankengänge über die allgemeine Grundbildung nachdenken. Man muss über die Grenzen der formalen Bildung und institutionengebundenen Ausbildung hinausdenken. Ebenso muss die Idee, dass die Erstausbildung eine ausreichende Vorbereitung für die gesamte Lebensarbeitszeit ist, neu überdacht werden. In den Neuen Unabhängigen Staaten bietet das Lebenslange Lernen eine Möglichkeit, die entstehende Informationsgesellschaft zu unterstützen, es Menschen zu ermöglichen, mit den neuen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft Schritt zu halten und eine echte Lernkultur zu entwickeln. Dies scheint ein sehr langfristig angelegtes Ziel für diese Länder zu sein, aber die Vorbereitungen müssen jetzt beginnen, damit die Menschen den kommenden Veränderungen begegenen können.

Lebenslanges Lernen ist auch ein wichtiges Thema auf der Agenda der Europäischen Union, der OECD und der zukünftigen Mitgliedsstaaten.

 

Erste Schritte zum gemeinsamen Handeln

 

Einer der ersten Schritte in diese Richtung  ist die Initiative der Kaukasus-Filiale des IIZ/DVV zur Verbreitung der Idee des Lebenslangen Lernens und der Unterstützung der Erwachsenenbildung. Das Konzept geht zurück auf eine Form der Veranstaltung, die zum ersten Mal 1992 in Großbritannien als „Adult Learners‘ Week“ durchgeführt wurde und seither bereits in fast 50 Ländern der Welt umgesetzt wird. Jede dieser Veranstaltungen folgt dem offenen und dynamischen Konzept einer mit Phanasie und Kreativität gestalteten Kampagne für die Weiterbildung, die einer möglichst breiten Öffentlichkeit präsentiert wird. Im Jahre 2000 fand während der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover auch die erste „Internationale Woche der Weiterbildung“ statt. Unter dem Motto „Auf dem Weg zur Lerngesellschaft“ diskutierten Organisationen der Erwachsenenbildung aus aller Welt über die wachsende Bedeutung von Lernprozessen, von Informationen und Wissen für eine nachhaltige Entwicklung und die Überwindung von Armut.

 

Die Ziele all dieser Veranstalungen sind im Kern:

 

·         Sensibilisierung eines möglichst breiten Publikums für die Notwendigkeit und Allgegenwart des Lernens;

·         Aufbau einer positiven Grundeinstellung gegenüber dem Lernen;

·         Demonstration von aktuellen Lernangeboten in unterschiedlichen Formen;

·         Lobby für die Weiterbildung und Erwachsenenbildung gegenüber wichtigen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft;

·         Förderung der nationalen und internationalen Kooperation verschiedener Institutionen im Bereich Erwachsenenbildung;

 

Im Oktober 2002 organisierte das IIZ/DVV zum ersten Mal im Kaukasus „Tage der Erwachsenenbildung“. In diesem Jahr wird diese Veranstaltung zu einem groesseren Lernfestival ausgeweitet. Zentral ist in diesem Jahr die erste Messe für Weiterbildung und Erwachsenenbildung unter dem Motto „Bildung und Beschäftigung“, die auf dem Messegelände von Tbilissi vom 17. bis 19.10. stattfindet. Die Messe bietet eine Menge interessanter Angebote und Präsentationen für das breite Publukum. Fachleute aus dem Bereich Bildung sind eingeladen, auch an Workshops und Diskussionsrunden zu zentralen Fragen der Erwachsenenbildung teilzunehmen. Neu in diesem Jahr ist ein breites Kulturprogramm, zu dem neben einer Fotoausstellung der Foto-Schule Burchuladse vor allem literarische Lesungen junger georgischer Autorinnen und Autoren mit anschliessenden Podiumsdiskussionen zählen. Einen weiteren Höhepunkt des Festivals bildet der Vortrag des deutschen Philosophen Wilhelm Schmid.

 

Das diesjährige Festival der Erwachsenenbildung und des Lebenslangen Lernens will:

 

·         Aufmerksamkeit lenken auf das Thema „Lebenslanges Lernen“ und „Erwachsenenbildung“,

·         das breite Spektrum der Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten demonstrieren;

·         ein Forum für den Erfahrungsaustausch der Beteilgten Organisationen bieten;

·         alle Beteiligten aus dem Bereich Weiterbildung – aus staatlichen wie nicht staatlichen Institutionen – zu einer koordinierten Zusammenarbeit untereiander und mit Vertretern der privaten Wirtschaft motivieren;

·         ein beständiges Forum für die Fragen und Belange der Erwachsenenbildung und des lebensbegleitendes Lernens schaffen.

 

Veranstaltungen dieser Art sollen auch in Zukunft regelmaessig stattfinden, nicht nur in Tbilissi, sondern auch landesweit. Erstmals in diesem Jahr wurden auch in Armenien und Aserbaidschan Veranstaltungen dieser Art durchgeführt: in Eriwan fand im Juni 2003 ebenfalls die erste Weiterbildungsmesse statt, in Baku wurde im September 2003 die erste Konferenz zu Fragen der Erwachsenenbildung mit Beteiligung hoher Bildungspolitiker des Landes durchgeführt.

 

 



[1] Communication: Making a European area of lifelong learning a reality, Europäische Kommission, November 2001.