In der Vergangenheit…
beendete man die Schule,
erlernte einen Beruf oder erwarb einen Hochschulabschluss und suchte sich im
Anschluss eine Arbeit. Gegebenenfalls arbeitete man sich in der Firma nach oben
und verabschiedete sich schliesslich in die Rente. Die Volkswirtschaften wurden
vom Industriesektor und einem großen Beamtenapparat getragen. Eine Anstellung
galt für Arbeitnehmer „auf Lebenszeit“. Die technische und wirtschaftliche
Entwicklung vollzog sich schrittweise und in gemäßigtem Tempo. Falls eine
Umschulung nötigt wurde, besuchte man eine Bildungseinrichtung, eine Akademie
oder unternehmensinterne Weiterbildungskurse. Einige Menschen qualifizierten sich
weiter. Die weltwirtschaftliche Lage war stabil und Veränderungen waren relativ
leicht vorauszusehen.
In der Gegenwart…
verlassen nur sehr wenige Jugendliche die Schule, um
sofort eine Arbeit zu ergreifen. Die meisten streben einen höheren Bildungsabschluss
an, sowohl in der beruflichen wie auch in der universitären Ausbildung. Es wird
häufig der Arbeitsplatz und der Beruf gewechselt. Entwickelte Volkswirtschaften
stützen sich auf kleinere dynamische Unternehmen, die Wissen akkumulieren und
anwenden, um Dienstleistungen und höherwertige Technologieprodukte anzubieten.
Nur wenige Jobs sind noch „auf Lebenszeit“.
Die technische und wirtschaftliche Entwicklung vollzieht sich rapide und
in beschleunigtem Tempo. Sehr viele Arbeitnehmer benötigen neue Qualifikationen
in Bereichen, die so schnell entstehen, dass Weiterbildungsinstitutionen Mühe
haben, ihr Bildungsangebot an diese Entwicklungen anzupassen. Die
weltwirtschaftliche Entwicklung ist turbulent und Veränderungen sind schwierig
vorauszusagen.
In der Zukunft…
wird der Erwerb von Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen
ein kontinuierlicher Prozess sein - vom Kindergarten bis zum Rentenalter, von
der „Wiege bis zum Grab“. Weniger wird nicht ausreichen, um mit der sozialen
und wirtschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten. Die Welt benötigt fähige
Bürger, Angestellte, Unternehmer und Regierungen, die in der globalen
Weltwirtschaft leben, arbeiten und daran teilnehmen. Kein Mensch, kein
Unternehmen und kein Land wird davon ausgenommen sein. Das ist der Weg zur
“Informationsgesellschaft”.
Dieser konstante Prozess der Weiterentwicklung von
Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen wird auch unter dem Begriff des
“Lebenslangen Lernens” zusammengefasst.
Gemäß dem “Memorandum über Lebenslanges Lernen” der
Europäischen Kommission versteht man unter Lebenslangem Lernen „alle
Lernaktivitäten, die während eines Lebens aus persönlichen, zivilen, sozialen
und/oder Arbeitsgründen mit dem Ziel unternommen werden, Wissen, Fertigkeiten
und Kompetenzen weiterzuentwickeln“.
Lebenslanges Lernen beschreibt, wie sich das Wissen, die
Fähigkeiten und Kompetenzen eines Menschen innerhalb seines Lebens entwickeln.
Dieser Ansatz erkennt an, dass Wissen und Fertigkeiten sowohl durch Erfahrungen
am Arbeitsplatz und im sozialen Umgang wie auch durch formales und
nicht-formales Lernen erworben werden können.
Die Europäische Union hat das Konzept des “Lebenslangen
Lernens” übernommen, um die Entwicklung einer „europäischen
Informationsgesellschaft“ zu unterstützen. Diese wird von der Europäischen
Kommission definiert als „eine Gesellschaft, deren Funktionieren auf der
Akkumulierung, Verbreitung und Anwendung von Wissen basiert“.[1] Im Mittelpunkt
stehen dabei die „immateriellen“ Güter und Dienstleistungen, darunter die
digitale und Biotechnologie, Tourismus, Verkehr, Informations- und
Kommunikationstechnologien sowie Finanz- und private Dienstleistungen. Das
heißt nicht, dass das verarbeitende Gewerbe, die Basis der traditionellen
Industriegesellschaften, ihre Bedeutung verliert. Aber sein weiteres Bestehen
ist zunehmend von der Fähigkeit abhängig, mit Digitaltechnik, IT- und
Kommunikationstechnologien, Robotern und computergesteuerten Systemen umzugehen,
mehr als von den eigentlichen technischen und manuellen Fertigkeiten. Darüber
hinaus verändern sich diese „neuen“ Technologien sehr schnell und verlangen
komplexes Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen, darunter auch persönliche und
zwischenmenschliche sowie die Fähigkeit, Arbeitsprozesse selbstverantwortlich
zu planen.
Das Konzept des Lebenslangen Lernens ist für die
Reformprozesse in den Transformationsländern von großer Bedeutung. Transformationsökonommien
müssen stärker in Humankapital investieren und die Qualifikationen ihrer
Bevölkerung erhöhen, um den fundamentalen Änderungen in der Weltwirtschaft -
wie der wirtschaftlichen Globalisierung, der rasanten technologischen
Entwicklung und dem zunehmenden weltweiten Wettbewerb - begegnen zu können.
Bildungssysteme, die an die realtiv stabilen und nur
durch allmähliche Veränderungen gekennzeichneten Bedingungen der
Vergangenenheit angepasst waren, entsprechen nicht mehr den Anforderungen in Gegenwart
und Zukunft. Man muss außerhalb traditioneller Gedankengänge über die
allgemeine Grundbildung nachdenken. Man muss über die Grenzen der formalen
Bildung und institutionengebundenen Ausbildung hinausdenken. Ebenso muss die
Idee, dass die Erstausbildung eine ausreichende Vorbereitung für die gesamte
Lebensarbeitszeit ist, neu überdacht werden. In den Neuen Unabhängigen Staaten
bietet das Lebenslange Lernen eine Möglichkeit, die entstehende
Informationsgesellschaft zu unterstützen, es Menschen zu ermöglichen, mit den
neuen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft Schritt zu halten und eine
echte Lernkultur zu entwickeln. Dies scheint ein sehr langfristig angelegtes
Ziel für diese Länder zu sein, aber die Vorbereitungen müssen jetzt beginnen,
damit die Menschen den kommenden Veränderungen begegenen können.
Lebenslanges Lernen ist auch ein wichtiges Thema auf der
Agenda der Europäischen Union, der OECD und der zukünftigen Mitgliedsstaaten.
Einer der ersten Schritte in diese Richtung ist die Initiative der Kaukasus-Filiale des IIZ/DVV zur
Verbreitung der Idee des Lebenslangen Lernens und der Unterstützung der
Erwachsenenbildung. Das Konzept geht zurück auf eine Form der Veranstaltung,
die zum ersten Mal 1992 in Großbritannien als „Adult Learners‘ Week“
durchgeführt wurde und seither bereits in fast 50 Ländern der Welt umgesetzt
wird. Jede dieser Veranstaltungen folgt dem offenen und dynamischen Konzept
einer mit Phanasie und Kreativität gestalteten Kampagne für die Weiterbildung,
die einer möglichst breiten Öffentlichkeit präsentiert wird. Im Jahre 2000 fand
während der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover auch die erste
„Internationale Woche der Weiterbildung“ statt. Unter dem Motto „Auf dem Weg
zur Lerngesellschaft“ diskutierten Organisationen der Erwachsenenbildung aus
aller Welt über die wachsende Bedeutung von Lernprozessen, von Informationen
und Wissen für eine nachhaltige Entwicklung und die Überwindung von Armut.
Die Ziele all dieser Veranstalungen sind im Kern:
·
Sensibilisierung eines möglichst breiten Publikums für die
Notwendigkeit und Allgegenwart des Lernens;
·
Aufbau einer positiven Grundeinstellung gegenüber dem Lernen;
·
Demonstration von aktuellen Lernangeboten in unterschiedlichen Formen;
·
Lobby für die Weiterbildung und Erwachsenenbildung gegenüber wichtigen
Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft;
·
Förderung der nationalen und internationalen Kooperation verschiedener
Institutionen im Bereich Erwachsenenbildung;
Im Oktober 2002 organisierte das IIZ/DVV zum ersten Mal im Kaukasus „Tage der Erwachsenenbildung“. In
diesem Jahr wird diese Veranstaltung zu einem groesseren Lernfestival ausgeweitet. Zentral ist in diesem Jahr die erste Messe für Weiterbildung und
Erwachsenenbildung unter dem Motto „Bildung
und Beschäftigung“, die auf dem Messegelände von Tbilissi vom 17. bis
19.10. stattfindet. Die Messe bietet eine Menge interessanter Angebote und
Präsentationen für das breite Publukum. Fachleute aus dem Bereich Bildung sind
eingeladen, auch an Workshops und Diskussionsrunden zu zentralen Fragen der
Erwachsenenbildung teilzunehmen. Neu in diesem Jahr ist ein breites Kulturprogramm, zu dem neben einer
Fotoausstellung der Foto-Schule Burchuladse vor allem literarische Lesungen
junger georgischer Autorinnen und Autoren mit anschliessenden
Podiumsdiskussionen zählen. Einen weiteren Höhepunkt des Festivals bildet der
Vortrag des deutschen Philosophen Wilhelm Schmid.
Das diesjährige Festival der Erwachsenenbildung und des Lebenslangen
Lernens will:
·
Aufmerksamkeit lenken auf das Thema „Lebenslanges Lernen“ und
„Erwachsenenbildung“,
·
das breite Spektrum der Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten
demonstrieren;
·
ein Forum für den Erfahrungsaustausch der Beteilgten Organisationen bieten;
·
alle Beteiligten aus dem Bereich Weiterbildung – aus staatlichen wie
nicht staatlichen Institutionen – zu einer koordinierten Zusammenarbeit
untereiander und mit Vertretern der privaten Wirtschaft motivieren;
·
ein beständiges Forum für die Fragen und Belange der Erwachsenenbildung
und des lebensbegleitendes Lernens schaffen.
Veranstaltungen dieser Art sollen auch in Zukunft regelmaessig
stattfinden, nicht nur in Tbilissi, sondern auch landesweit. Erstmals in diesem
Jahr wurden auch in Armenien und Aserbaidschan Veranstaltungen dieser Art
durchgeführt: in Eriwan fand im Juni 2003 ebenfalls die erste
Weiterbildungsmesse statt, in Baku wurde im September 2003 die erste Konferenz
zu Fragen der Erwachsenenbildung mit Beteiligung hoher Bildungspolitiker des
Landes durchgeführt.
[1] Communication: Making a European area of lifelong learning
a reality, Europäische Kommission, November 2001.