
Wenn Silva Balschunas, Büroleiterin des GTZ-Projekts "Selbsthilfe
in der Erdbebenregion" Besucher zu ihrer Klientel führt,
dann muss man sich schon auf einige Überraschungen gefasst
machen. Man klettert in irgendwelche Kellerräume, besucht Hinterhofschuppen
und Garagen, erklimmt enge Wendeltreppen zu kleinen Speicherräumen
in unscheinbaren Einfamilienhäusern oder parkt plötzlich
vor einem kleinen Blechcontainer mitten in einem Buden- und Barackenwohnviertel,
in dem 15 Jahre nach dem verheerenden Erdbeben noch immer Tausende
von Menschen untergebracht sind. Und jedesmal ist man bei einem
Jung-Unternehmer zu Besuch.
Feodora Hovanessian ist eine der Kleinunternehmerinnen aus der
Kartei von Silva Balschunas. Die attraktive Endvierzigerin empfängt
uns vor ihrem eher schäbigen Wohncontainer, der so gar nicht
zu ihrem eleganten Kostüm passt und in dem sie seit dem Erdbeben
zusammen mit Mann und Sohn, letzterer mittlerweile verheiratet
und Vater eines zweijährigen Mädchens, wohnt. Um die
Ecke hat sie mit einem Kredit der GTZ einen weiteren Container
gekauft und dort eine kleine Strickerei eingerichtet. Mit Strickwaren,
verkauft an Verwandte und Freunde, hatte sie sich und ihre Familie
schon vor dem unternehmerischen Start up über Wasser gehalten.
Ganze 700 US-$ hat sie gebraucht, um zwei Strickmaschinen zu kaufen
und jetzt zusammen mit fünf Frauen aus der Familie Strickwaren
in Serie oder auf Bestellung herzustellen. Zwei weitere Frauen
organisieren den Verkauf. Ohne die finanzielle Unterstützung
der GTZ wäre die gelernte Kartografin heute ebenso

arbeitslos wie ihre Mitarbeiterinnen. Jetzt ist sie eine selbständige
Unternehmerin und kann vom Verdienst der kleinen Produktion ganz
passabel leben, sofern man dies unter den Wohnumständen überhaupt
sagen kann. Zwei Wohncontainer bieten ein kleines Wohnzimmer,
zwei Schlafzimmerchen, eins für die junge Familie, eines
für Feodora und ihren Mann, dazu eine Miniküche, Bad
und Toilette. Das Mobiliar hätte ein besseres Ambiente verdient,
eine andere Wohnung hat Feodora bereits ankaufen können,
die muss jetzt nur noch renoviert werden. Das kostet Zeit und
vor allem Geld. Und so wird Fedeora Hovanessian, die elegante
Unternehmerin, noch eine Zeit mit Familie und Betrieb in der Container-Villen-Gegend
von Gjumri verbringen müssen. Vom 700-$-Kredit hat sie 500
bereits zurückbezahlt.
Das Selbsthilfeprojekt der GTZ in Eriwan hat zwei Aussenstellen,
eine in Gjumri, die andere in Stepanavan, beides Städte,
die vom Erdbeben besonders betroffen wurden. In Stepanavan wurden
44 Einzel-Unternehmen gefördert, in Gjumri 46, zusammen bieten
die Unternehmen nach Auskunft der GTZ rund 1.500 Arbeitsplätze,
mehr als 500 davon wurden durch die Kredite neu geschaffen. Pro
Arbeitsplatz wurden etwa 140 $ aufgewendet, die Projektkosten
sind überschaubar, denn das Projekt wird ausschliesslich
von lokalen Mitarbeitern geführt. Preiswerter und effektiver
kann Entwicklungszusammenarbeit kaum sein.

In der Garage eines Hinterhof es haben die beiden Journalisten
Lewon Barsaja und Nadeschda Hakabian eine kleine Schreinerei für
Büromöbel eingerichtet. Die Nachfrage nach Büromöbel
ergab sich, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass Lewon im
Do-it-yourself-Verfahren ganz brauchbare Schreibtische hergestellt
hatte. Für den GTZ-Kredit von 1.600 $ kauften sie sich das
notwendige Arbeitsgerät und genügend Material, um ein
richtiges Geschäft zu beginnen. Heute haben sie fünf
Mitarbeiter in der Produktion, die im Schnitt rund 100 $ im Monat
verdienen, wenn das Geschäft gut geht, gibt's etwas mehr.
Und Lewon und Nadeschda kümmern sich wieder mehr um ihren
journalistischen Hauptberuf. Das Unternehmen allerdings funktioniert
prächtig.
Im bescheidenen Einfamilienhaus von Lewon Jeghikian führt
eine Schranktür zu einer engen Wendeltreppe, die in der Dachkammer
des Hauses endet. Fünf Frauen und Männer fertigen unter
der Anleitung von Lewons Frau Schuhe. 1.000 $ Kredit haben die
beiden dafür aufgenommen, für die wirtschaftlichen Verhältnisse,
aus denen sie kamen, ein beachtliches Risiko. Zusammen mit zwei
weiteren Verkäufern bieten sie ihre Schuhe auf den Märkten
von Gjumri und Umgebung an, das Paar zu Preisen von 5 - 10 $.
Die lokale Kaufkraft gibt nicht viel mehr her, dementsprechend
bescheiden sind auch die Löhne, die Lewon bezahlen kann.
Aber immerhin, knapp zehn Menschen können das Familienbudget
mit einem geringen Einkommen anreichern und sind der Arbeistlosigkeit
entzogen. Lewon fährt auch in die Dörfer der Umgebung,
um seine Produktion direkt zu vermarkten. Dann wird er meist mit
Käse oder Kartoffeln bezahlt, die er dann auf dem Markt von
Gjumri in Geld umwandelt. Marktwirtschaft ist manchmal ein mühsames
Geschäft. Lewon wirtschaftet sehr sparsam, er will demnächst
einen neuen Kredit aufnehmen, um seine Produktion zu erweitern.
Da ist ein wenig angespartes Eigenkapital nicht schlecht.
Alle Betriebe, die einen GTZ-Kredit erhalten, werden für
die Laufzeit des Kredites intensiv betreut. Eva Petrosian, eine
Betriebswirtschaftlerin, hat im Vorfeld der Kreditbewilligung
einen Geschäftsplan erarbeitet, deren Einhaltung sie monatlich
überwacht. So kann sie ihre Kunden jederzeit beraten, wenn
finanzielle Schieflagen drohen. Auch nach Rückzahlung des
Kredits können sich die Kleinunternehmer gegen eine geringe
Gebühr weiter betriebswirtschaftlich beraten lassen. In Seminaren
vermittelt Eva Petrosian unternehmerisches Wissen oder Know How
im Umgang mit Steuerbehörden. Die Beratungsgebühren
wandern zum Armenian Social Investment Fond (ASIF), der auf jeden
eingenommenen Dram - so heisst die armenische Währung - noch
einmal neun dazugibt und mit dem Geld öffentliche Infrastrukturmassnahmen
wie die Sanierung von Schulgebäuden finanziert.
Susanna Tatoian und Samuel Avetisian sind mit ihrem Gemeinschaftsunternehmen
auf einem beisspiellosen Expansionskurs. Susanna hatte mit einem
kleinen Ladengeschäft für Braut- und Hochzeitsartikel
in der Stadtmitte von Gjumri angefangen. Brautkleider, meist von
Frauen der Umgebung genäht, können gekauft oder auch
nur ausgeliehen werden, dazu bietet sie allen Hochzeitsschmuck,
Brautsträusse und vieles mehr. Samuel steuert vor allem die
üppigen Blumengebinde bei und hat das Geschäft um einen
Friseursalon erweitert. Ein Gardinengeschäft in einer neuen
Ladenzeile in einer der Hauptstrassen der Stadt kam kürzlich
dazu. Jetzt wollen die beiden dynamischen Jung-Unternehmer im
Alter von knapp 50 Jahren eine

Gardinen-Näherei aufbauen. Ein grosses Restaurant für
Familienfeste soll ausserdem angemietet werden, man will einen
Komplett-Service rund um den wichtigsten Tag im Leben junger Menschen
anbieten. Üppige Hochzeitstorten sind selbstredend schon
lange im Angebot. Insgesamt 16 Leute haben einen Arbeitsplatz
gefunden, dafür haben sie von der GTZ zwei Kredite über
3.000 $ und 2.000 $ aufgenommen. Bei der Kreativität der
beiden, die es sich mittlerweile leisten können, standesgemäss
in einem schwarzgrauen Daimler vorzufahren, ist ein Ende der Unternehmensentwicklung
nicht abzusehen. Die Keimzelle eines unternehmerischen Mittelstandes
ist gelegt.
Alle Kreditanträge werden vorab von einem Komitee erfahrener
und angesehener Bürger von Gjumri geprüft, zweifelhafte
Antragssteller werden ausgeschlossen. Die Kreditbedingungen sind
allerdings hart, sie müssen in acht Monaten zurückbezahlt
werden bei landesüblichen Zinssätzen von 1,5 % im Monat
keine Kleinigkeit. Aber die Produzenten von Gummifäden für
die Herstellung von Socken, mehrere Kleinbäckereien und andere
kleine Dienstleister waren nahezu ausnahmslos in der Lage, ihre
Kreditverpflichtungen zu erfüllen. Bislang, so Silva Balschunas
und Eva Petrosian, entzieht sich nur ein einziger Kreditnehmer
seinen Pflichten und in einem Fall ist das Unternehmen gescheitert,
alles in allem eine Ausfallquote, mit der jede Bank zufrieden
wäre.
Gurgen Saghomorian hatte eine kleine Bäckerei und Nudelproduktion
mit drei Beschäftigten. Nach zwei GTZ-Krediten konnte er
seine Produktion auf rund 300 kg Nudeln am Tag ausbauen und beschäftigt
heute 18 Mitarbeiter, meist Taubstumme, denen er einen Monatslohn
von rund 40 $ bezahlen kann. Das GTZ-Projekt fördert nicht
nur kleine Selbsthilfeunternehmen, man hat rechtzeitig erkannt,
dass kleine Unternehmen oft nur eine geringe Kapitalspitze fehlt,
um neue Arbeitsplätze zu schaffen und damit auch Armut in
der Bevölkerung zu übrwinden.

Jonel Gevorgian hat eine kleine Produktion von Gummifäden,
die er dann einem anderen Unternehmen der GTZ-Familie, das Socken
herstellt, verkauft. In zwei Schichten zu je drei Personen rattert
das laute Maschinenmonster vor sich hin, Tamara Hakoian, Witwe
mit drei Kindern, ist glücklich, zwischen zwei und drei Dollar
am Tag mit nach Hause nehmen zu können. Noch glücklicher
sind 15 Heimarbeiterinnen, alles Behinderte, denen Jonel Gevorgian
Wolle anliefert, mit der sie vor allem Babykleidung stricken.
Die Socken verkauft er für nicht einmal 15 Cent, die Kinderstrumpfhose
für 200 Dram, das ist etwa 40 Cent. Ohne den GTZ-Kredit,
sagt er, wären seine 21 Mitarbeiterinnen arbeitslos.

Saribek Sargasian ist mit seiner Firma "SAROTEX" für
lokale Verhältnisse bereits ein gestandener Mittelständler.
Sargasian hat eine kleine Näherei für Trikotagen und
eine Produktion von Nylonstrümpfen. Er und seine Frau sind
die größten Einzelkreditnehmer der GTZ-Projektes. Zehn
Mitarbeiter hatte Sarkasian noch, als infolge des Erdbebens und
des Karabach-Konflikts die große Wirtschaftskrise in Gjumri
ausgebrochen war. Heute, nach drei GTZ-Krediten zu je 5.000 $,
beschäftigt Sargasian über 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
in Produktion und Vertrieb, Tendenz steigend, nachdem er neulich
erstmals nach Russland lieferte und dort wohl auf einen festen
Liefervertrag hoffen darf. Im Gegensatz zu den anderen Kleinbetrieben
verfügt Sargasian bereits über ein ausgefeiltes Marketing,
er verkauft seine Ware in bester Verpackung unter seinem eigenen
Warenzeichen im ganzen Land. Er bezahlt zwischen 50 und 100 $
im Monat, Gehälter, die weit über dem statistischen
Durchschnittseinkommen in Armenien liegen. Und aus seinem eigenen
landwirtschaftlichen Betrieb kommen die Produkte, mit denen der
Vorzeige-Unternehmer seiner Belegschaft überdies ein tägliches
Essen serviert. Auch Sargasian denkt bereits an eine Expansion
seines Betriebes.

Bleibt nach einer eindrucksvollen Rundreise durch die aufkommende
Schicht unternehmerischen Mittelstandes in der Erdbebenstadt Gjumri
nur die Frage, warum andere Regionen Armeniens und des Kaukasus
nicht in den Genuss eines solch einfachen, effektiven und preiswerten
Programms kommen. Oder bedarf es erst eines Erdbebens, um sich
auf Geberseite auf unbürokratische und klein-formatige Projekte
einzulassen? Die Erfolgsgeschichte von Gjumri jedenfalls dürfte
auch andernorts wiederholbar sein.
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