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Ausgabe 16/03
15. Oktober


Wenn Silva Balschunas, Büroleiterin des GTZ-Projekts "Selbsthilfe in der Erdbebenregion" Besucher zu ihrer Klientel führt, dann muss man sich schon auf einige Überraschungen gefasst machen. Man klettert in irgendwelche Kellerräume, besucht Hinterhofschuppen und Garagen, erklimmt enge Wendeltreppen zu kleinen Speicherräumen in unscheinbaren Einfamilienhäusern oder parkt plötzlich vor einem kleinen Blechcontainer mitten in einem Buden- und Barackenwohnviertel, in dem 15 Jahre nach dem verheerenden Erdbeben noch immer Tausende von Menschen untergebracht sind. Und jedesmal ist man bei einem Jung-Unternehmer zu Besuch.

Feodora Hovanessian ist eine der Kleinunternehmerinnen aus der Kartei von Silva Balschunas. Die attraktive Endvierzigerin empfängt uns vor ihrem eher schäbigen Wohncontainer, der so gar nicht zu ihrem eleganten Kostüm passt und in dem sie seit dem Erdbeben zusammen mit Mann und Sohn, letzterer mittlerweile verheiratet und Vater eines zweijährigen Mädchens, wohnt. Um die Ecke hat sie mit einem Kredit der GTZ einen weiteren Container gekauft und dort eine kleine Strickerei eingerichtet. Mit Strickwaren, verkauft an Verwandte und Freunde, hatte sie sich und ihre Familie schon vor dem unternehmerischen Start up über Wasser gehalten. Ganze 700 US-$ hat sie gebraucht, um zwei Strickmaschinen zu kaufen und jetzt zusammen mit fünf Frauen aus der Familie Strickwaren in Serie oder auf Bestellung herzustellen. Zwei weitere Frauen organisieren den Verkauf. Ohne die finanzielle Unterstützung der GTZ wäre die gelernte Kartografin heute ebenso



arbeitslos wie ihre Mitarbeiterinnen. Jetzt ist sie eine selbständige Unternehmerin und kann vom Verdienst der kleinen Produktion ganz passabel leben, sofern man dies unter den Wohnumständen überhaupt sagen kann. Zwei Wohncontainer bieten ein kleines Wohnzimmer, zwei Schlafzimmerchen, eins für die junge Familie, eines für Feodora und ihren Mann, dazu eine Miniküche, Bad und Toilette. Das Mobiliar hätte ein besseres Ambiente verdient, eine andere Wohnung hat Feodora bereits ankaufen können, die muss jetzt nur noch renoviert werden. Das kostet Zeit und vor allem Geld. Und so wird Fedeora Hovanessian, die elegante Unternehmerin, noch eine Zeit mit Familie und Betrieb in der Container-Villen-Gegend von Gjumri verbringen müssen. Vom 700-$-Kredit hat sie 500 bereits zurückbezahlt.

Das Selbsthilfeprojekt der GTZ in Eriwan hat zwei Aussenstellen, eine in Gjumri, die andere in Stepanavan, beides Städte, die vom Erdbeben besonders betroffen wurden. In Stepanavan wurden 44 Einzel-Unternehmen gefördert, in Gjumri 46, zusammen bieten die Unternehmen nach Auskunft der GTZ rund 1.500 Arbeitsplätze, mehr als 500 davon wurden durch die Kredite neu geschaffen. Pro Arbeitsplatz wurden etwa 140 $ aufgewendet, die Projektkosten sind überschaubar, denn das Projekt wird ausschliesslich von lokalen Mitarbeitern geführt. Preiswerter und effektiver kann Entwicklungszusammenarbeit kaum sein.



In der Garage eines Hinterhof es haben die beiden Journalisten Lewon Barsaja und Nadeschda Hakabian eine kleine Schreinerei für Büromöbel eingerichtet. Die Nachfrage nach Büromöbel ergab sich, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass Lewon im Do-it-yourself-Verfahren ganz brauchbare Schreibtische hergestellt hatte. Für den GTZ-Kredit von 1.600 $ kauften sie sich das notwendige Arbeitsgerät und genügend Material, um ein richtiges Geschäft zu beginnen. Heute haben sie fünf Mitarbeiter in der Produktion, die im Schnitt rund 100 $ im Monat verdienen, wenn das Geschäft gut geht, gibt's etwas mehr. Und Lewon und Nadeschda kümmern sich wieder mehr um ihren journalistischen Hauptberuf. Das Unternehmen allerdings funktioniert prächtig.

Im bescheidenen Einfamilienhaus von Lewon Jeghikian führt eine Schranktür zu einer engen Wendeltreppe, die in der Dachkammer des Hauses endet. Fünf Frauen und Männer fertigen unter der Anleitung von Lewons Frau Schuhe. 1.000 $ Kredit haben die beiden dafür aufgenommen, für die wirtschaftlichen Verhältnisse, aus denen sie kamen, ein beachtliches Risiko. Zusammen mit zwei weiteren Verkäufern bieten sie ihre Schuhe auf den Märkten von Gjumri und Umgebung an, das Paar zu Preisen von 5 - 10 $. Die lokale Kaufkraft gibt nicht viel mehr her, dementsprechend bescheiden sind auch die Löhne, die Lewon bezahlen kann. Aber immerhin, knapp zehn Menschen können das Familienbudget mit einem geringen Einkommen anreichern und sind der Arbeistlosigkeit entzogen. Lewon fährt auch in die Dörfer der Umgebung, um seine Produktion direkt zu vermarkten. Dann wird er meist mit Käse oder Kartoffeln bezahlt, die er dann auf dem Markt von Gjumri in Geld umwandelt. Marktwirtschaft ist manchmal ein mühsames Geschäft. Lewon wirtschaftet sehr sparsam, er will demnächst einen neuen Kredit aufnehmen, um seine Produktion zu erweitern. Da ist ein wenig angespartes Eigenkapital nicht schlecht.



Alle Betriebe, die einen GTZ-Kredit erhalten, werden für die Laufzeit des Kredites intensiv betreut. Eva Petrosian, eine Betriebswirtschaftlerin, hat im Vorfeld der Kreditbewilligung einen Geschäftsplan erarbeitet, deren Einhaltung sie monatlich überwacht. So kann sie ihre Kunden jederzeit beraten, wenn finanzielle Schieflagen drohen. Auch nach Rückzahlung des Kredits können sich die Kleinunternehmer gegen eine geringe Gebühr weiter betriebswirtschaftlich beraten lassen. In Seminaren vermittelt Eva Petrosian unternehmerisches Wissen oder Know How im Umgang mit Steuerbehörden. Die Beratungsgebühren wandern zum Armenian Social Investment Fond (ASIF), der auf jeden eingenommenen Dram - so heisst die armenische Währung - noch einmal neun dazugibt und mit dem Geld öffentliche Infrastrukturmassnahmen wie die Sanierung von Schulgebäuden finanziert.

Susanna Tatoian und Samuel Avetisian sind mit ihrem Gemeinschaftsunternehmen auf einem beisspiellosen Expansionskurs. Susanna hatte mit einem kleinen Ladengeschäft für Braut- und Hochzeitsartikel in der Stadtmitte von Gjumri angefangen. Brautkleider, meist von Frauen der Umgebung genäht, können gekauft oder auch nur ausgeliehen werden, dazu bietet sie allen Hochzeitsschmuck, Brautsträusse und vieles mehr. Samuel steuert vor allem die üppigen Blumengebinde bei und hat das Geschäft um einen Friseursalon erweitert. Ein Gardinengeschäft in einer neuen Ladenzeile in einer der Hauptstrassen der Stadt kam kürzlich dazu. Jetzt wollen die beiden dynamischen Jung-Unternehmer im Alter von knapp 50 Jahren eine



Gardinen-Näherei aufbauen. Ein grosses Restaurant für Familienfeste soll ausserdem angemietet werden, man will einen Komplett-Service rund um den wichtigsten Tag im Leben junger Menschen anbieten. Üppige Hochzeitstorten sind selbstredend schon lange im Angebot. Insgesamt 16 Leute haben einen Arbeitsplatz gefunden, dafür haben sie von der GTZ zwei Kredite über 3.000 $ und 2.000 $ aufgenommen. Bei der Kreativität der beiden, die es sich mittlerweile leisten können, standesgemäss in einem schwarzgrauen Daimler vorzufahren, ist ein Ende der Unternehmensentwicklung nicht abzusehen. Die Keimzelle eines unternehmerischen Mittelstandes ist gelegt.

Alle Kreditanträge werden vorab von einem Komitee erfahrener und angesehener Bürger von Gjumri geprüft, zweifelhafte Antragssteller werden ausgeschlossen. Die Kreditbedingungen sind allerdings hart, sie müssen in acht Monaten zurückbezahlt werden bei landesüblichen Zinssätzen von 1,5 % im Monat keine Kleinigkeit. Aber die Produzenten von Gummifäden für die Herstellung von Socken, mehrere Kleinbäckereien und andere kleine Dienstleister waren nahezu ausnahmslos in der Lage, ihre Kreditverpflichtungen zu erfüllen. Bislang, so Silva Balschunas und Eva Petrosian, entzieht sich nur ein einziger Kreditnehmer seinen Pflichten und in einem Fall ist das Unternehmen gescheitert, alles in allem eine Ausfallquote, mit der jede Bank zufrieden wäre.

Gurgen Saghomorian hatte eine kleine Bäckerei und Nudelproduktion mit drei Beschäftigten. Nach zwei GTZ-Krediten konnte er seine Produktion auf rund 300 kg Nudeln am Tag ausbauen und beschäftigt heute 18 Mitarbeiter, meist Taubstumme, denen er einen Monatslohn von rund 40 $ bezahlen kann. Das GTZ-Projekt fördert nicht nur kleine Selbsthilfeunternehmen, man hat rechtzeitig erkannt, dass kleine Unternehmen oft nur eine geringe Kapitalspitze fehlt, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und damit auch Armut in der Bevölkerung zu übrwinden.



Jonel Gevorgian hat eine kleine Produktion von Gummifäden, die er dann einem anderen Unternehmen der GTZ-Familie, das Socken herstellt, verkauft. In zwei Schichten zu je drei Personen rattert das laute Maschinenmonster vor sich hin, Tamara Hakoian, Witwe mit drei Kindern, ist glücklich, zwischen zwei und drei Dollar am Tag mit nach Hause nehmen zu können. Noch glücklicher sind 15 Heimarbeiterinnen, alles Behinderte, denen Jonel Gevorgian Wolle anliefert, mit der sie vor allem Babykleidung stricken. Die Socken verkauft er für nicht einmal 15 Cent, die Kinderstrumpfhose für 200 Dram, das ist etwa 40 Cent. Ohne den GTZ-Kredit, sagt er, wären seine 21 Mitarbeiterinnen arbeitslos.

Saribek Sargasian ist mit seiner Firma "SAROTEX" für lokale Verhältnisse bereits ein gestandener Mittelständler. Sargasian hat eine kleine Näherei für Trikotagen und eine Produktion von Nylonstrümpfen. Er und seine Frau sind die größten Einzelkreditnehmer der GTZ-Projektes. Zehn Mitarbeiter hatte Sarkasian noch, als infolge des Erdbebens und des Karabach-Konflikts die große Wirtschaftskrise in Gjumri ausgebrochen war. Heute, nach drei GTZ-Krediten zu je 5.000 $, beschäftigt Sargasian über 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Produktion und Vertrieb, Tendenz steigend, nachdem er neulich erstmals nach Russland lieferte und dort wohl auf einen festen Liefervertrag hoffen darf. Im Gegensatz zu den anderen Kleinbetrieben verfügt Sargasian bereits über ein ausgefeiltes Marketing, er verkauft seine Ware in bester Verpackung unter seinem eigenen Warenzeichen im ganzen Land. Er bezahlt zwischen 50 und 100 $ im Monat, Gehälter, die weit über dem statistischen Durchschnittseinkommen in Armenien liegen. Und aus seinem eigenen landwirtschaftlichen Betrieb kommen die Produkte, mit denen der Vorzeige-Unternehmer seiner Belegschaft überdies ein tägliches Essen serviert. Auch Sargasian denkt bereits an eine Expansion seines Betriebes.

Bleibt nach einer eindrucksvollen Rundreise durch die aufkommende Schicht unternehmerischen Mittelstandes in der Erdbebenstadt Gjumri nur die Frage, warum andere Regionen Armeniens und des Kaukasus nicht in den Genuss eines solch einfachen, effektiven und preiswerten Programms kommen. Oder bedarf es erst eines Erdbebens, um sich auf Geberseite auf unbürokratische und klein-formatige Projekte einzulassen? Die Erfolgsgeschichte von Gjumri jedenfalls dürfte auch andernorts wiederholbar sein.



































































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